1989-1991 nehmen My Bloody Valentine "Loveless", das ermutlich bekannteste, vielleicht effektverzerrteste und erdlosgelösteste und höchstwahrscheinlich kostenintensivste Shoegaze-Album der Musikgeschichte auf. 1993 wird "Earth 2", das Debütalbum der Drone-Vorreiter Earth, veröffentlicht und stellt mit seinen manisch wiederholten, raumfüllend lauten, bis an den Erdmittelpunkt heruntergestimmten und feedbackzersetzten Akkordfolgen musikalische Grenzen infrage. Wie weit darf man (Rock)Musik herunterbrechen und minimieren, wie weit kann man das überhaupt? Die Antwort sind 73 Minuten reinste Essenz.
Dies sind vermutlich die wichtigsten Koordinaten, wenn man dem Artikelgegenstand mit Worten möglichst nahe kommen will, die oben beschriebene Schmelztiegelmusik als Mischung dieser beiden Alben zu charakterisieren, wäre aber zu einfach. Diese Musik, für die es noch keinen einheitlichen Überbegriff gibt, die ich aber im Folgenden der Einfachheit halber Dronegaze nennen werde, bezieht ihre Einflüsse von den verschiedenesten Bands/Künstlern und Subrichtungen, zu denen Glenn Branca genauso zählt wie Black Metal, Godflesh genauso wie Cocteau Twins und Swans genauso wie Neurosis. Frühe Alben der Dark Wave-Formation Lycia sowie das italienische Dark Ambient-Projekt Bad Sector kamen schon Anfang-Mitte der 90er diesem Dronegaze erstaunlich nahe, seine (wenn man so will) "Zeitrechnung" begann jedoch erst nach der Jahrtausendwende.
Kris Angylus veröffentlicht über sein eigenes Kleinstlabel Decaying Sun Records 2001 erste Alben und EPs seines (bis 2003; vor den Aufnahmen zu "Coma Waering" stößt seine spätere Ehefrau Monica Dragonfly hinzu) Soloprojekts The Angelic Process. Die angegebenen Einflüsse - My Bloody Valentine, Neurosis, Swans - lassen sich im musikalischen Endergebnis kaum mehr zurückverfolgen; ohne jede Übertreibung kann man sagen, dass man so etwas in dieser Form noch nie gehört hat. Die Stücke sind kompakt und dramaturgisch sehr ausgefeilt, das Drumming ist aufpeitschend und höchst effektiv, über die Schwefelwolkenriffs legen sich elysische, sehnsuchtsvolle Melodien. Der Klang ist perfekt auf die Kompositionen zugeschnitten, absolut intransparent, aber beeindruckend massiv. 2008, nach Veröffentlichung von "Weighing Souls With Sand" 2007, findet die Band mit dem Selbstmord von Bandleader Angylus ein jähes und tragisches Ende.
Von allen aktuellen Bands kommen die 2003 gegründeten und mittlerweile auf eine unüberblickbare Fülle von Veröffentlichungen kommenden Nadja TAP vermutlich am nächsten; man hört dennoch sogleich, dass sie Welten trennen. Die Musik von Nadja definiert sich durch die Gleichsetzung von Stille und Lärm, ist im Gegensatz zum desparaten Sturm und Drang-Drone von TAP knisternd, schleichend und weich. Referenzwerke sind das Debüt "Touched", "Truth Becomes Death" sowie das gletscherartige "Radiance of Shadows".
2004, zwei Jahre nach dem Ende der Industrial Metal-Pioniere Godflesh, schickt sich Justin K. Broadrick mit seinem neuen Projekt Jesu an, (auch selbsterrichtete) Grenzen nachhaltig zu verschieben. Das selbstbetitelte Debüt bietet eine brüchige, sich mühsam vorwärtsschleppende Mischung aus industrialisiertem Doom Metal, klirrenden Keyboard-Melodietropfen und apathischem Klargesang in der Schnittmenge von Broadricks Ex-Bands und Red House Painters.
Menace Ruine lösen sich mit "The Die is Cast" 2008 fast vollständig von Black Metal und präsentieren darüberhinaus eines der originellsten (Metal-)Alben der jüngeren Vergangenheit. Tiefschwarzer Drone Doom wird mit mittelalterlichem Flair und farbenprächtig schimmernden Harmonien kombiniert, über alles legen sich die ausladenden, oftmals an Nico erinnernden Gesangsmelodien von Geneviève.
Auch im näheren und weiteren Umfeld ging in den letzten Jahren Spannendes vor sich, seien es der Ambient-Künstler Methadrone, der schon mit Musikern von Lycia zusammenarbeitete, The Goslings, die auf "Grandeur of Hair" sozusagen die analoge, splittrige und kaputte Version von Dronegaze spielen, Have a Nice Life mit ihrer eklektischen Mischung aus Heldenverehrung (Swans, Joy Division) und Blick in die Zukunft, Enmerkar im Black Metal-Bereich, deren Umgang mit Melodien und Noise ein ähnliches System hat, Hyatari, Wheels Within Wheels oder im elektronischen Bereich vielleicht noch Fuck Buttons. Wer eine genreinterne Antithese zum klassischen Minimalistendrone à la (frühere) Sunn O))) sucht oder eine zumindest aktuell noch durchaus originelle neue Strömung im Randbereich des Metal hören möchte, ist bestens damit beraten, sich mit ein paar der oben vorgestellten Bands zu beschäftigen.


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